Lauras Lokalrunde: "Her mit dem Steak!"

Aufruf zur großen Demo für Lohngleichheit und gerechtere Verteilung von Haus- und Pflegearbeit

Die Kinder spielen im Garten, wir sitzen auf der Terrasse, in der Hand hat jeder ein kühles Bier. Tim steht am Grill und wendet Steaks. Die Stimmung ist ausgelassen, bis ich erzähle, dass mein Mann und ich unser Leben ein wenig neu sortieren, damit ich mehr arbeiten kann. „Das Risiko möchte ich nicht weiter tragen, dass ich als Frau nur in Teilzeit arbeite und in die Armutsfalle trete, wenn irgendetwas schief läuft“, sage ich und nehme einen Schluck.

 

Tim schüttelt den Kopf und ist empört. „Versteh ich nicht, was soll denn schief laufen? Wir sind ein Paar und füreinander da.“

Ein schlechter Deal

Wenn ich die Leier von der ewigen Liebe höre, gesprochen von einem verheirateten und in Vollzeit arbeitenden Mann, frage ich mich, ob Tim, von Beruf Anlageberater, einen Vertrag unterschreiben würde, wenn folgendes im Kleingedruckten steht:

 

"Die Chance, dass diese Ehe gut geht, liegt bei knapp 60 %. Sie, Tim Wiesinger, gehen nach der Geburt der gemeinsamen zwei Kinder in Elternzeit und verzichten auf rund 750.000 Euro eigenes Einkommen[1], dürfen sich aber auf das Wort ihrer Partnerin, Anna Wiesinger, verlassen. Sollte sie wortbrüchig werden, erhalten Sie durch den Zugewinnausgleich die Hälfte des in der Ehe erwirtschafteten Vermögens, blicken aber dank Elternzeit und jahrelanger Teilzeit einer unsicheren Zukunft entgegen, finden mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen Job, von dem Sie und ihre Kinder leben können, und werden vermutlich im Alter sehr arm sein."

 

Genau so aber sieht er aus, der Vertrag, den viele Frauen abschließen, wenn sie ihren Job aufgeben, lange in Elternzeit gehen und später maximal in Teilzeit wieder einsteigen.

 

„Ich sehe Ehen scheitern, die mit den besten Absichten geschlossen werden. Mann und Frau sagen: Wir sehen die Gefahren und machen es besser. Sie scheitern,“ sagt Scheidungsanwältin Helene Klaar in einem Interview mit dem Süddeutsche Zeitung Magazin. Dabei seien Frauen meist die Leidtragenden, bestätigt Klaar, weil sie nicht die Macht und auch nicht das Geld hätten.

 

Frauen in der Armutsfalle

„Wir leben in einer patriarchalischen Gesellschaft, bis heute. Unsere kulturelle Prägung beruht auf der Übermacht des Mannes, diese Übermacht durchzieht ausnahmslos jeden gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Bereich unseres Lebens (…), schreibt Sophie Passmann in ihrem Buch „Alte weisse Männer“[2]. Die Macht hat eben auch derjenige in der Familie, der das Geld nach Hause bringt.

 

Wohin ich auch schaue, sehe ich Männer, die nach dem ersten Kind genauso oder noch mehr arbeiten. Das ist sogar wissenschaftlich bewiesen, bestätigt der Spiegel: „Männer mit Kindern verbringen jedenfalls mehr Zeit im Büro als Männer ohne Kinder.“ Ihre Frauen bleiben mit den Kindern zuhause, arbeiten oft Teilzeit, kaum ein mit mir befreundetes Paar macht es anders. In meiner Online-Blase aus Twitter, Facebook und Eltern-Blogs scheint das Bild ein anderes zu sein. Da gibt es Männer, die zuhause bleiben oder sich die Care-Arbeit mit ihrer Partnerin teilen, die ihre Frauen finanziell absichern und damit Verantwortung für ihr finanzielles Risiko übernehmen, die lange in Elternzeit gehen und sich für Gleichberechtigung einsetzen. Außerhalb meiner netzaffinen Online-Eltern-Welt sieht es anders aus und ich kennen genau einen Mann, der seine Arbeitszeit der Familie zuliebe reduziert hat.

 

Es ist natürlich viel bequemer, mit Hinblick auf ein höhere Einkommen oder den Hauskredit auszuschließen, die Vollzeit-Tätigkeit reduzieren zu können. Und ich weiß auch, dass es in vielen Fällen nicht leicht ist, den Arbeitgeber darum zu bitten. Kein Wunder, dass so mancher Vater Angst um seine Karriere hat. Willkommen in unserer Welt, kann ich da nur sagen, denn die Angst um die berufliche Laufbahn ist der ständige Begleiter einer Mutter, die wegen der Kinder im Job pausiert hat. Anna sieht jeden Tag, wie abschätzig sogenannte „Teilzeit-Mütter “ von den Kolleg*innen angeschaut werden, sie spürt die Last durch Mental Load und die Angst davor, dass Tim eine junge Kollegin vor die Nase gesetzt bekommt.

 

Trennt er sich irgendwann von ihr (oder sie von ihm), hat sie neben der negativen Erfahrung ein dickes Geldproblem zu verschmerzen. Denn außer dem Zugewinnausgleich bleibt ihr ein leeres Rentenkonto, ein löchriger Lebenslauf und berufliche Möglichkeiten, die im Gegensatz zu denen von Tim lächerlich wirken.

 

„Alleinerziehende haben überdurchschnittlich häufig wenig Geld. Viele von ihnen können unerwartete Ausgaben von etwa tausend Euro nicht stemmen“, schreibt der Tagesspiegel. Und Alleinerziehende sind in Deutschland zu 85% Frauen. Während Tims Risiko, in seinem Leben beim Sozialamt vorstellig zu werden, minimal ist, ist Anna im Falle einer Trennung nicht weit davon entfernt. Wer mit zwei Kindern auf der Suche nach einem festen Job in Vollzeit ist, um die Familie zu ernähren, der kann sich auf eine Durststrecke gefasst machen.

 

„Selbst bei Fachkräftemangel und hoher Qualifikation: Bewerbungen von Müttern bleiben meist unberücksichtigt“, heißt es in dem Text „Aussortiert und abgelegt“, der in der Süddeutschen Zeitung erschien.

 

Schlechte Einstiegchancen, geringe Löhne

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich in der letzten Zeit irgendwo einen Kugelgrill umschmeißen wollte. Hätte ich es doch bloß gemacht und darauf gepfiffen, dass Frauen, die feministische Forderungen stellen, als unangenehme Emanzen wahrgenommen werden, die die Party sprengen.

 

Was mich so wütend macht, dass ich auf der nächsten Grillparty unter Umständen die Rindersteaks mit Regenwasser ablösche, ist, dass viele Familienväter diese Ungerechtigkeit verleugnen und zu viele Familienmütter alles hinnehmen.

 

Fassungslos bin ich regelmäßig auch, wenn Männer den Gender Pay Gap bestreiten, weil sie der Meinung sind, Frauen würden nur schlecht verhandeln. Dabei gibt es den Gender Pay Gap, wie der offizielle EU Gender Equality Report bestätigt:

 

„Geringere Löhne, eine schlechte Absicherung, eine niedrigere Arbeitszeit und das Steuersystem – durch das Frauen in Deutschland deutlich mehr Einkommensteuer zahlen als Männer mit dem gleichen Bruttolohn, Stichwort Ehegattensplitting – führen dazu, dass Frauen deutlich weniger Geld haben.“ (Quelle)

 

Noch schlechter sind Frauen dran, die Mütter werden, denn dann erhalten sie oben drauf die „Motherhood Wage Penality“, also eine Strafe in Form von mutterschaftsbedingten Lohneinbußen. Somit ist Mutterschaft ein wesentlicher Grund für den Gender Pay Gap und wird von Arbeitnehmern als Ausdruck fehlender Karriereorientierung betrachtet, bestätigt der Report Lohnnachteile durch Mutterschaft des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans Böckler-Stiftung. Dazu kommt übrigens ein weiterer Hammer: „Mütter mit kurzer Elternzeit würden oft als "egoistisch und feindselig" wahrgenommen“ lautet das Ergebnis einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.

 

So kommen wir Frauen nicht weiter

Wieso erzähle ich hier von meinem Freund Tim? Weil ich gemerkt habe, wie schwer es selbst Männern fällt, die offen und nett und tolerant sind und mit denen man sich gewöhnlich auch vernünftig unterhalten kann, die Nachteile, die wir Frauen in der Gesellschaft haben, anzuerkennen. Dass eine feministische Twitter-Botschaft die größten Machos aus ihren Löchern holt, ist klar. Aber dass auch meine männlichen Freunde, die ich allesamt sehr mag und schätze, die Diskussionen nicht führen möchten, beleidigt reagieren oder Ungerechtigkeiten abstreiten, hat mir endgültig die Augen geöffnet.

 

Die Männer von heute haben selbst mit ihren Rollen zu kämpfen. Lange in Elternzeit zu gehen wird in vielen Firmen nicht gerne gesehen und viele Kollegen heben abschätzig die Augenbrauen hoch, wenn ein Mann sagt, er möchte für Frau und Kinder da sein. Hausmänner werden auf dem Spielplatz beklatscht, in der Kneipe belächelt. Die Verantwortung für die Familie zu übernehmen und das Geld nach Hause zu bringen, sich aber aus dem Haushalt rauszuhalten, das haben die Väter der heutigen Väter vorgemacht und es ist sicher schwer, sich von diesem Vorbild zu lösen. Aber es tut mir leid, meine Herren, diese Aufgabe müsst ihr selbst bewältigen. Wir haben so viele eigene Probleme und können nicht länger auf euer Verständnis oder eure Einsicht hoffen. Wir sind nicht nur auf der Suche nach uns selbst, wir tragen zusätzlich noch das größte Risiko.

 

Wir sollten dafür kämpfen, dass sich mehr Mütter trauen, wieder arbeiten zu gehen, weil ihre Partner zuhause mitanpacken. Wir sollten uns für das Konzept der 30-Stundenwoche einsetzen, damit Eltern Zeit für ihre Kinder haben. Und für mich gibt es eine weitere wichtige gesellschaftliche Frage: was ist uns das Kümmern wert? Das Image von Hausfrauen und –männern ist schlecht und die Anerkennung fehlt. Das wird auch deutlich an den lächerlichen paar Rentenpunkten, die Eltern für die Versorgung der Kinder bekommen. Wer sich für die Sorgearbeit entscheidet, weil sie ja schließlich auch gemacht werden muss, sollte finanziell abgesichert sein.

 

Auf die Straße! Wir müssen unsere Rechte einfordern

Frauen, es ist Zeit, dass wir auf die Straße gehen und für Gleichberechtigung kämpfen. Machen wir es wie die Isländerinnen: 1975 legten 90 % aller Frauen ihre bezahlte oder unbezahlte Arbeit nieder und gingen für Equal Pay und Chancengleichheit auf die Straßen. Mittlerweile ist Island auf Platz eins im Ranking der modernen Gleichberechtigung. Deutschland liegt dagegen auf Platz 12.[4]

 

Oder schauen wir in die Schweiz. Dort demonstrierten die Frauen im Juni dieses Jahres, weil sie weniger verdienen als Männer und schlechter abgesichert sind. Sogar die Verteidigungsministerin und ein paar Abgeordnete schlossen sich den Demonstrantinnen an. In einem Manifest forderten sie mit den die Gewerkschaften neben Lohngleichheit eine Anerkennung und gerechtere Verteilung von Haus- und Pflegearbeit.

 

Und deshalb schlage ich vor, wir machen es wie unsere isländischen und schweizerischen Vorbilder und gehen auf die Straße. Unsere Forderungen:

  • Gleicher Lohn für gleiche Arbeit
  • Das Recht auf Wiedereinstieg in den Job nach der Elternzeit mit Teilzeitoption und Betreuungsgarantie[5]
  • Ein Recht auf Rückkehr zur Vollzeit
  • Gerechte Rente auch für Menschen, die sich um Angehörige und Kinder gekümmert haben
  • Gerechtere Aufteilung von Elternzeit und Elterngeld zwischen Männern und Frauen
  • Abschaffung des Ehegattensplittings, denn es minimiert den Anreiz für Mütter, wieder arbeiten zu gehen
  • Ein besseres Angebot an Kinderbetreuung, auch in strukturschwachen Gegenden.
  • Anerkennung und Wertschätzung von Care-Arbeit
  • Gerechte Aufteilung von Haus- und Pflegearbeit zwischen den Geschlechtern

Frauen rufen auf

Es gibt bereits viele kluge Frauen, die zum Aufstand aufrufen und uns sicher mit all ihrer Kraft unterstützen werden.

 

Helma Sick fragte sich im Buch „Ein Mann ist keine Altersvorsorge“:

 

„Wo ist der Schulterschluss mit anderen Frauen, um sich für gleichen Lohn für gleiche Arbeit einzusetzen? Stehen Frauen mit Transparenten vor dem Bundestag? Oder organisieren und solidarisieren sie sich auf Facebook oder Twitter mit anderen Frauen? Attackieen sie ihre Bundestagsabgeordneten, sich für ihre Belange stark zu machen? Wählen sie die Parteien, die ihre Ziele und Wünsche vertreten? Treten sie einer Gewerkschaft bei, um ihre Interessen durchzusetzen?“[6]

 

Katrin Wilkens stellt dieselbe Frage:

 

„Es gibt den 1. Mai, den Tag der Arbeit. Warum gehen wir Mütter an diesem Tag nicht geschlossen auf die Straßen und streiten für dieselben Geldrechte, die sie Männer haben? Für uns, für unsere Eltern- und Töchtergeneration?“[7]

 

In der Reportage „Frauen in der Rentenfalle“ appelliert Rita Süßmuth:

 

Es ist eine Machtfrage. Und ich fordere immer wieder die Frauen auf: nun seid doch ungeduldiger.

 

In der Podcast-Folge „Wieso gehen Job und Familie für Frauen so schlecht zusammen?“ vom Elternblog Little Years sagt Journalistin und Autorin Sabine Rennefanz

 

„Ich glaube, dass Frauen und Mütter einfach viel wütender sein sollen. Mir fällt das so auf. Freundinnen, Bekannte, die sind immer alle am Anschlag und die kämpfen darum, alles unter einen Hut zu kriegen und überlegen, ob sie Mutter-Kind-Kuren machen sollen und laden sich Podcasts runter, wo sie richtig atmen lernen oder Dankbarkeit lernen. Ich finde, wir müssten viel wütender sein und diese Aggression nicht wieder so typisch Frau wegatmen, sondern eigentlich schreien und viel mehr fordern, zusammen.“

 

Caroline Rosales äußert sich in ihrem Buch „Sexuell verfügbar“:

 

Warum werden wir in unserer ewigen Diskussionstoleranz nie konkret? Warum gründet niemand eine feministische Partei? Warum setzen wir uns nicht alle flächendeckend für die Abschaffung des Paragrafen §218 ein, der ein Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche bedeutet? Warum finden wir nicht Kompromisse untereinander und konzentrieren uns darauf, die Motive der Rechtsnationalen zu zerpflücken? Warum setzen wir nicht da an? Zusammen, nicht als Einzelkämpfer. (...) Laut einer aktuellen Studie der OECD arbeiten 37,5 % der erwerbstätigen Frauen in Deutschland in Teilzeit, mehr als in anderen Ländern. Warum tun wir nichts dagegen – Briefe, Demos, Petitionen -, die 20 einflussreichsten Wirtschaftslenkerinnen sollen offenen Briefe schreiben.“ [8]

„Jetzt fangen die Frauen an, verrückt zu spielen, denken sich die alten weißen Männer da draußen,“ schreibt Sheila Heti in ihrem Roman „Mutterschaft“. Sollen sie das doch denken. Ich finde, wir sollten uns erheben und für unsere Rechte kämpfen. Und ich habe das Gefühl, wir werden viele sein. Wir sehen uns im nächsten Jahr auf der Straße, meine Damen!

Dieser Text ist von Laura Fröhlich, Journalistin, Bloggerin und Mutter und schreibt so lange feministische Texte, bis sie sich nicht länger Feministin, sondern Humanistin nennen darf.


[1] Katrin Wikens: Mutter schafft! Es ist nicht das Kind, das nervt, es ist der Job, der fehlt, Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2019, S. 213

Wilkens nennt die Zahl 750.000 Euro als Ungerechtigkeitszahl für eine Frau, die ein Monatseinkommen von 2.800 Euro netto bekommt, die zwei Kinder bekommt, fünfeinhalb Jahre in Elternzeit ist und dabei auf 185.000 Euro Netto-Gehalt verzichtet, Kindergeld und Elterngeld geht für Windeln, Essen, Kleidung und Kitagebühren drauf. Sie arbeitet zehn Jahre in Teilzeit, verzichtet dabei noch einmal auf 156.000 Euro Netto-Lohn und hat Einbußen bei der Rente, erhält ca. 180.000 Euro weniger als ihr Mann. Die Kinder kosten zusammen rund 460.000 Euro, macht die Hälfte für die Frau. So kommen 750.000 Euro zusammen, die die Frau das Kinderkriegen kostet. Es ist nicht weiter interessant, sollte sie mit ihrem Mann zusammen bleiben. Schlecht sieht es aber bei einer Scheidung aus, für die die Wahrscheinlichkeit bei knapp 40 % liegt. (Vgl. S. 208F)

[2] Sophie Passmann, Alte weisse Männer. Ein Schlichtungsversuch, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019, S. 55

[3] Sophie Passmann, Alte weisse Männer. Ein Schlichtungsversuch, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019, S. 11

[4] Vgl. Wilkens, S. 47

[5] Vgl. Wilkens, S. 213

[6] Helma Sick, Renate Schmidt: Ein Mann ist keine Altersvorsorge, München 2015, S. 184

[7] Katrin Wikens: Mutter schafft! Es ist nicht das Kind, das nervt, es ist der Job, der fehlt, Frankfurt/Main 2019, S. 213

[8] Caroline Rosales, Sexuell verfügbar, Ullstein Buchverlage, Berlin 2019, S. 239f