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Marlenes Lokalrunde: "Good Boy!"

Ich heiße Marlene und bin Feministin. Das ist für Sie vielleicht nicht sonderlich überraschend, für mich schon. Ich habe mir nämlich die längste Zeit meines Lebens überhaupt keine Gedanken über Feminismus gemacht. Weil ich es konnte. Weil ich wahnsinnig privilegiert war. Ich durfte, konnte und tat alles, was Männer auch taten. Bis ich Mutter wurde.

 

Meine Tochter war zarte drei Wochen alt, da musste sie wegen eines Blutschwämmchens am Rücken zum Dermatologen. Mein Mann, ihr Vater, nahm diesen Termin mit ihr wahr. Das war ein Fehler. Zumindest in den Augen der Arzthelferin. Wo denn die Mama sei, fragte die Dame meinen Mann völlig fassungslos. So ein kleines Baby könne man doch noch nicht alleine lassen. Was, wenn es Hunger bekäme?

 

Mein Mann zeigte die einzig richtige Reaktion auf dieses Verhalten: Er wurde wütend. Er war noch wütend, als er wieder zuhause war und das Kind wieder in meinen Armen lag. Er konnte nicht fassen, dass er als Vater offensichtlich für völlig inkompetent und fehlbesetzt gehalten wurde. Ich war nicht wütend. Leider. Das wäre einfacher gewesen. Ich war traurig, verletzt, ja, sogar beschämt. Ich war ganz neu in der Mutterrolle und diese Aussage einer mir völlig fremden Arzthelferin erschütterte mich zutiefst. Ich sollte mich lange nicht richtig davon erholen. Selbst während ich das jetzt aufschreibe, beinahe sieben Jahres später, fällt es mir schwer, mich nicht zu rechtfertigen. Ich will es Ihnen erklären. Meine Finger wollen über die Tastatur huschen, schreiben, dass ich noch schmerzende Geburtsverletzungen hatte, von meiner körperlichen Schwäche nach der anstrengenden Geburt berichten.

 

Ich war als Mutter neu im Business. Und ich hatte lediglich ein Ziel: Eine gute Mutter zu sein. Nein, vergessen Sie das: Ich wollte eine sehr gute Mutter sein. Ich wollte diesem kleinen perfekten Wesen die beste Mutter der Welt sein. Das wäre das Mindeste, was dieses Kind verdient hätte. Aber ich versagte. Ich versagte, als die Arzthelferin mein Fehlen kritisierte. Und von da an versuchte ich, mein Versagen wieder gut zu machen. Ich war ab jetzt immer da. Ich war da, als das Kind sein erstes Wort sagte, seine ersten Schritte lief, ich besuchte Krabbelgruppen und Singkreise. Ich war mit dem Kind nicht nur im Zwergenturnen, nein ich wurde sogar gleich auch Übungsleiterin desselben. Vierundzwanzig Stunden bevor ich mein zweites Kind bekam tanzte ich beim Kinderfasching, und war auch vierundzwanzig Stunden nach der Entbindung schon wieder zuhause, um die nunmehr zwei Kinder selbst ins Bett zu bringen. Zwei Tage nach der Geburt meines Sohnes holte ich meine Tochter schon wieder von der Kita ab. Humpelnd. Mit Schmerzen und blutendem Schritt. Aber ich war da. Ich war da. Ich war immer da. Niemand sollte mich je wieder kritisieren. Ich war die perfekte Mutter. Und ich war völlig ausgebrannt. Am Ende. Leer. Denn egal, wie gut ich war, die Verletzung heilte nicht. Die Angst, man könnte mich für eine schlechte, eine faule, eine nicht genug liebende Mutter halten, blieb. Sie blieb bis ich zu dem Punkt kam, an der mir auferlegten Perfektion zu zerbrechen oder etwas zu ändern.

 

Aber, um etwas zu ändern, muss man erstmal verstehen. Und um zu verstehen, musste ich zum Ursprung zurückkehren. Zur Quelle meiner Angst. Und so sah ich mich Jahre später gedanklich wieder mit der Ausgangssituation und der Frage konfrontiert: Was wäre passiert, wäre damals ich und nicht der Vater mit dem Baby zum Arzt gegangen? Tja, ich sage es Ihnen: Nichts. Genau gar nichts. In den Augen aller mir begegneten Menschen wäre die Welt völlig in Ordnung gewesen. Man hätte den Vater des Kindes bei der Arbeit gewähnt und mich nicht für eine schlechte Mutter gehalten. Freilich auch nicht für eine gute Mutter. Ich hätte einfach nur meine Pflicht getan. Mit hochgezogenen Augenbrauen gefragt, wo denn der Vater des armen Kindes sei, hätte mich niemand. Der Vater wäre kein schlechter gewesen. Der Vater hätte sein Kind nicht vernachlässigt. Der Vater wäre nicht verletzt worden.

 

Und so wurde mir plötzlich der Unterschied bewusst. Ich war nicht mehr einfach nur noch eine Frau, die alles durfte, konnte und tat, was Männer auch taten. Ich war jetzt Mutter und wenn ich mich wie ein Mann verhielt, war ich eine schlechte Mutter.

 

Verhielt ich mich aber wie erwartet, aufopfernd, hingebungsvoll, immer da, ja, dann war ich nicht automatisch eine gute Mutter. Dann tat ich einfach nur meine mir von der Gesellschaft auferlegte Pflicht. Dann war ich nicht zu kommentieren. Nicht negativ. Natürlich aber auch nicht positiv. Kein Lob nötig. Egal, wie schnell ich als Mutter rennen würde, es gäbe keinen Zieleinlauf, kein Pokal, keine Blumen. Weil ich die Mutter bin.

 

Völlig und ganz und gar anders sieht die Sache aber für den Vater aus. Ein Vater, der samstagmorgens mit zwei Kindern im Supermarkt gesichtet wird ist Superdaddy. Er geht einkaufen. Alleine mit den Kindern. Obwohl er die ganze Woche arbeitet. Der arme Mann. Der hilfsbereite Mann. Der Superdaddy! Wir alle kennen folgende Sätze: „Hilft Dein Mann auch zuhause?“, „Wechselt der Papa denn auch mal die Windeln?“, „Du hast aber ein Glück, dass Dein Mann Dir auch einmal die Kinder abnimmt.“, „Dein Mann ermöglicht Dir so viel“. Hätte ich da jetzt eine Triggerwarnung anbringen sollen? Geht es Ihnen noch gut? Mir nämlich nicht. Ich möchte schreien und weinen. Ich möchte wüten und klagen. Ich möchte kotzen und schlagen. ICH BIN NÄMLICH STINKSAUER! ICH HABE DIE SCHNAUZE VOLL! ES REICHT! Endlich. Endlich. Endlich! Ich bin angekommen. Angekommen bei der Wut, die mein Mann schon vor sieben Jahren spürte. Elternschaft ist ungerechte Scheiße! Mütter müssen alles geben. Mütter müssen kochen, stoffbewindeln, rumfahren, fördern, planen, organisieren, alles wissen, alles können, sexy sein (für eine Mutter!), lieben, Geduld haben, Karriere machen (trotzdem!), erziehen, anziehen, Popos abwischen und das alles auch noch plastikfrei, bio und mit einem Lächeln im Gesicht. Männer müssen nichts. Nichts Anderes als vor dem Kind zumindest. Die Welt retten. Ja, das vielleicht. So Superheldenzeug eben. Aber sie müssen sich nicht als Väter beweisen. Der Samen ist gestreut. Fertig. Wenn sie aber etwas darüber hinaus tun, ja, dann ist aber mal Applaus angesagt. Dann ist Good Boy!

 

Da schmelzen die Nachbarinnen am Straßenrand dahin, wenn der Papa mit den Kindern Fahrrad fahren übt und beglückwünschen einen mit tränenverschleiertem Blick zu diesem Prachtexemplar von Mann. Auf Instagram bekommen Daddys mit Baby im Tragetuch drölfzigmillion Likes und Hashtags wie #superdad #tollerpapa und #meinheld erfreuen sich größter Beliebtheit. Überhaupt war es Instagram, die das kleine Wutflämmchen in mir zu einem lodernden Waldbrand entfachte. Eine Mutter berichtete, wie ihr Mann ihr einen Mädelsabend „ermöglichte“ und das gemeinsame Kind hütete. Nach einiger Zeit rief er sie an, um mitzuteilen, dass das Kind ein wenig Temperatur habe. Sie müsse aber nicht heimkommen. Natürlich ist sie trotzdem sofort nach Hause geeilt (ohne sie geht es ja nicht), aber „wie zuckersüß, dass er wollte, dass ich weiter feiere. Er ist so ein SUPERDADDY!“. Hunderte User beklatschten das. Und ich? Ich wurde rasend. Warum heizen ausgerechnet Frauen diese Ungerechtigkeit noch an? Bekommen Mütter Applaus, weil sie das Kind hüten, während der Erzeuger feiern geht? Nein! Niemals! Es ist ihre Pflicht als Mutter. Eine Mutter muss sich gefälligst immer und ständig in den Hintergrund zu stellen. Opfere Dich, Du bist Mutter! Männer sind und bleiben Männer. Danach erst sind sie Väter. Väter können Karriere machen wie Männer, Väter können feiern wie Männer, Väter können Väter sein und Männer bleiben. Frauen sind Mütter. Und erst, wenn die Kinder wirklich und wahrhaftig nachweisbar gut versorgt sind (aber bitte nicht zu lange, sonst verpasst Mutter deren Kindheit und am Besten bei Oma, die ist auch Mutter) dann, erst dann, sind sie Frauen.

 

Vielleicht liegt es daran, dass ich jetzt erst langsam begreife, dass ich die rosarote Brille meiner vermeintlichen Gleichberechtigung irgendwo in den chaotischen Zimmern meiner Kinder verloren habe, aber ich habe das Gefühl, die Medien verstärken dieses Bild in letzter Zeit. Natürlich nicht direkt. Nur noch völlig Retadierte schreiben Dinge wie „Mütter an den Herd“. Aber auf Instagram werden Väter, die sich um ihre Kinder kümmern gefeiert und geliebt. Papazeitschriften wollen keinen kritischen Artikel über fehlende Gleichberechtigung abdrucken. Da erwartet man Weihrauch, Myrrhe und Salbei, Awwwwws und Ohhhhs für durchtrainierte moderne Väter mit Baby vor dem Bauch auf dem Wochenmarkt. Die der Mutter den Einkauf „abnehmen“. Etwas Quality Time mit dem Kind verbringen, bevor es wieder zum stressigen Job geht. Bei RTL wird ganz groß eine neue Sendung angekündigt: „Mensch Papa! Väter allein zu Haus". Darin will RTL herausfinden, was passiert, wenn man Väter zwei Tage allein daheim mit Kindern und dem Haushalt lässt. Dies wird jede Woche von fünf Frauen beobachtet. In jeder Folge steht ein anderer Vater im Mittelpunkt. Die Mütter kommentieren aus sicherer Entfernung und sollen auf diese Weise die unterschiedlichen Ansprüche und Erziehungsansätze zeigen. So sagt RTL. Die Wahrheit ist, Väter verhalten sich wie hirnamputierte Affen, unfähig, einem Kind die Strumpfhose anzuziehen oder Spaghetti auf den Tisch zu bringen und alle lachen verständnisvoll: „Ach, die Männer. Wie putzig sie sich anstellen. Ja ne, ist klar, das kann nur Mama!“.

 

Das erteilt doch einen Freifahrtschein: Männer können sich anstellen wie die letzten Idioten und alle finden es witzig. Frauen könne das einfach besser. Denen ist das in die Wiege gelegt. Aber jetzt mal ernsthaft? Stört der Penis echt beim Wickeln und Brei kochen. Stößt er schmerzhaft an die Wickelkommode oder wie muss ich mir das vorstellen? Sorry, aber Euer Penis bekommt keinen Behindertenausweis.

 

Man stelle sich das Format mal so vor und Achtung, jetzt schwinge ich die Klischee Keule mit viel Schmackes: Frau im Baumarkt und alle Männer beurteilten von zuhause wie sie völlig überfordert und weinend einen Hammer sucht. Die meisten Frauen wissen ja schließlich nicht einmal, was ein Hammer ist. Das gäbe Empörung und Aufschrei. Von Frauen. Weil sie sich nicht als Idioten darstellen lassen wollen. Völlig zurecht.

 

Und dann gibt es ja noch diesen Werbespot für Amazon Echo: Vater mit Baby alleine zuhause. Mutter gibt Anweisungen über Amazon Echo. Am Schluß viel Lob und I love you von Mutti. Dieser Werbespot würde mit einer Mutter zuhause und einem Vater am Endgerät überhaupt nicht funktionieren. Weil der Mutter diese Aufgabe ohne Drittanweisung jeder selbstverständlich zutraut. Und außerdem, warum sollte man sie loben? Sie tut doch nur ihren Job. Sie wollte es doch so.

 

Diese Sendung, dieser Werbespot, diese Zeitschriften, diese Aaaaawwwwws und Oooohhhs ich mache da nicht mit. Das ist nicht lustig. Das ist nicht süß. Ich möchte Männer nicht wie Dummköpfe behandeln. Möchten Männer selber so behandelt werden? Brauchen Männer ein Zuckerchen, nur weil sie eine Stunde alleine mit ihrem (!) Kind verbracht haben. Ist das nicht beleidigend? Wollen sie wirklich gelobt werden, wie ein zweijähriges Kind, das zum ersten Mal alleine Pipi ins Töpfchen gemacht hat. „Das hat er supi dupi gemacht. Ganz toll! Du bist schon ein richtig großer Junge. So ein braver“. Echt jetzt? Also ich kenne zum Glück Männer, die das nicht wollen. Die brauchen keinen Thron, weil sie ihren Sprössling auf ebendiesen gesetzt haben. Denen wäre das sogar peinlich. Weil sie nämlich kein dressierten Schimpansen sind. Weil der Penis sie nicht am Vatersein hindert.

 

Meine Freundin und ich fragten uns viele Jahre bevor wir Kinder hatten einmal, warum wir immer viel wütender auf unsere Mütter als auf unsere Väter waren. Letztlich kamen wir zu dem Ergebnis, dass wir von Frauen viel mehr erwarteten. Mit Männern waren wir milder. Denen trauten wir von Anfang an gar nicht so viel zu. Weniger Erwartung, weniger Enttäuschung. So einfach war das. Und so falsch.

 

Unsere Erwartungshaltung muss sich sich loslösen, sich befreien von alten Rollenklischees. Emanzipation der Erwartungen! Väter und Mütter müssen endlich gleichberechtigt behandelt werden. Die gleichen Erwartungen, die gleichen Ansprüche, die gleichen Chancen, die gleichen Hürden, das gleiche Lob. Und ja, nicht, dass Sie mich falsch verstehen. Lob ist toll. Wichtig und richtig. Anerkennung ist notwendig! Aber eben nicht so völlig ungerecht verteilt, wie es derzeit der Fall ist.

 

Meine rosarote Brille der vermeintlichen Gleichberechtigung ist für immer verloren. Ab jetzt werde ich laut. Ich heiße Marlene und bin Feministin!

 

Prost.