Menervas Lokalrunde: „Weiße Frauen“

Es war nachts nach der Arbeit in der Straßenbahn und ich war am Weg nach Hause. Es war eine wunderschöne und ruhige Sommernacht in Wien, ich war noch süße sechzehn und hatte mir neben der Schule ein paar Euro verdient. Es war schon spät, der hintere Waggon in dem ich saß, war leer und ich hörte Musik. Ich achtete nicht darauf, wer noch einstieg, sondern war völlig in der Musik verloren. Plötzlich stieß mich jemand fest gegen das Fenster, riss mir die Kopfhörer herunter und drückte mich weiter gegen das Fenster. Ich war alleine mit dem Mann in der Straßenbahn. Nur der Schaffner vorne konnte uns sehen, tat aber nichts, er saß in einem anderen Wagon, dem vorderen. Der Mann war vielleicht Mitte Fünfzig, hatte fettige, weiße, schulterlange Haare, er roch nach Alkohol, Staub und Urin. Er hielt mich mit einer Hand fest und mit der anderen versuchte er seine Hose zu öffnen, während ich versuchte, dem Schaffner zu winken oder irgendein Zeichen zu geben. Der Mann kam mir dann ganz nah und flüsterte: „Ich weiß, dass ihr schwarzen Löcher am Anfang zäh seid, aber sobald ich in dir bin, wirst du hörig.“ Er sagte das und lachte dabei. Er lachte, während ich weinend schrie und mich nicht von ihm losmachen konnte. Als die Straßenbahn dann plötzlich stehen blieb, rüttelte es ihn so sehr, dass ich ihm mit einem Knieschlag zwischen den Beinen erwischen und weglaufen konnte, anscheinend hatte der Schaffner endlich verstanden, dass das, was hier hinten geschah, gegen meinen Willen stattfand. Als ich aus der Straßenbahn rausrannte und der Fahrer mir entgegenlief, schrie ich ihn an: „Wo waren Sie? Warum hat es so lange gedauert?“

Er sagte: „Ich darf nur bei den Haltestellen anhalten.“

 

In jener Nacht weinte ich mir unter der Dusche das Herz aus dem Leib. Ich spürte es regelrecht bluten. Ich roch nach ihm und hatte sein Gesicht noch klar vor meinen Augen, so, als sei er noch da. Noch nie zuvor hatte mich eine Person körperlich so entmachtet. Seelisch schon, ich bin mit Rassismus quasi aufgewachsen, aber noch nie zuvor gab es diesen direkten, körperlichen Angriff in dem ich mich nicht bewegen konnte.

 

Ich sprach nicht darüber. Immerhin hatte ich nicht realisiert was mir geschah, auch wenn es etwas in mir zerbrach, so suchte ich nach der Logik darin.

Später, viel später, vertraute ich mich einer damals engen Freundin an. Ich hatte damals nur nichtmuslimische Freundinnen, nur Österreicherinnen und mochte es, als Paradebeispiel der gelungenen Integration gesehen zu werden, die an Miniröcken und gebleichten Haaren gemessen wird. Und als ich ihr davon erzählte, mit der Hoffnung in ihren Armen Trost zu finden, sagte sie:“Naja gut, das ist ein besoffener Typ, aber eure Leute machen das ja ständig, die wachsen ja damit auf, dass man sich Frauen einfach nehmen kann. Jetzt weißt du wie es uns Weißen Frauen in unserem Land geht.“

Ihre Worte, ihre Interpretation, ihre Rechtfertigung für seine Tat und die Art, wie sie „die Fremden“ beschrieb, war mir ein tieferer Dolchstich im Herzen, als der Angriff selbst.

Meine Weißen Freunde behandelten mich wie eine Weiße, ganz einfach, weil ich mich so verhielt. Ich hatte kein Interesse mich über meine ägyptischen Wurzeln zu erkunden, war zwar gebürtige Muslima, hatte aber ein sehr liberales Elternhaus und wuchs schon islamisch, aber nicht streng auf und ich wollte seit meiner Kindheit Weiß sein. Ich dachte, ich sei Weiß. Ich dachte, ich hätte den Integrationsorden verdient, dafür, dass ich meine Herkunft und Religion für die Anerkennung dieser Gesellschaft aufgegeben hatte. Ich hatte buchstäblich meine Identität verleugnet, um dazuzugehören. Und tat es dann erst recht nicht.

Ich hatte mich verloren. Ich wusste nicht mehr, wo ich stand. Irgendwie hatte ich einen Teil von mir verloren, konnte aber nicht erraten, welcher das war.

In dieser Zeit fing ich an, mich mit mir zu beschäftigen. Mit dem echten MIR. Ich färbte meine Haare wieder schwarz, glättete sie nicht mehr, hatte meine stolze Lockenmähne durch den Wind wehen lassen, trug auch keine blauen Kontaktlinsen mehr und fing an, über die Geschichte meines Landes zu lesen. Ich fing an, Romane und andere Bücher auf Arabisch zu lesen. Ich fing an, mich mit meiner Religion zu beschäftigen, um sie zu verstehen und zwischen den vielen unterschiedlichen Zeilen, zwischen den verschiedenen Sprachen und dem Ticken der verlorenen Zeit und jeder Zeit, die ich noch nicht verloren hatte, fand ich mich selbst. Dort, irgendwo, wo es vollkommen in Ordnung war, eine austroägyptische Muslima zu sein, die von nun an ihren Hijab auch als Akt der Rebellion trug, um zu ihrer Identität zu stehen, dort, wo man sichtbare Musliminnen am liebsten verstummen lassen möchte, denn was würden diese Frauen schon zu sagen haben? Oh, hold on, wir haben noch gar nicht angefangen.

Aus einem Mädchen, das verzweifelt nach Anerkennung suchte, wurde eine belesene Frau, die die Teile ihrer gebrochenen Selbst mehr und mehr vom Boden sammelte und so zusammensetzte, dass ihr jede fremde Anerkennung getrost am Arsch vorbeigehen kann, wenn der Preis dafür die Verbiegung ihrer Selbst sein würde.

Und das war mein erster Schritt in Richtung Feminismus. Nicht jenen, den man auf T-Shirts druckt, mit Free-Bleeding und Körperbehaarung bewirbt, sondern jenen, der Platz für Frauen zwischen anderen Frauen schafft, die Hierarchien der Hautfarbe und Religion löscht und die Stimmen von jenen Frauen gültig macht, die von Weißen Frauen und Männern seit Jahrhunderten stummgeschaltet werden. Uns gibt es. Wir sind keine homogene Gruppe, nein, ihr wisst nicht, was in unseren Köpfen vorgeht und danke, wir können selber für uns reden.

 

Menerva Hammad ist Autorin und Hobby-Bloggerin, ihr Buch „Wir treffen uns in der Mitte der Welt“ ist online schon vorbestellbar und erscheint im Oktober 2019.