Christines Lokalrunde: „Brüste“

In Italien ist heute #freenipplesday. Bei mir ist das eigentlich jeden Tag.

 

Diesen Text wollte ich schon vergangene Woche schreiben. Und dann dachte ich: "Nee, das ist zu banal. Wir brauchen nicht mehr darüber sprechen, ob Frauen BHs tragen oder nicht, es interessiert keinen, ob ich einen trage, wie ich mich dabei fühle, und welche Gedanken ich mir dazu mache."

 

Der heutige Tag hat mich eines besseren belehrt. Ich wachte nämlich zu der Nachricht auf, dass Carola Rackete bei einem Gerichtstermin in Italien "eine Schamlosigkeit ohne Grenzen" begangen habe, indem sie im T-Shirt erschien und dabei offensichtlich keinen BH trug. Es war, nur um das klarzustellen, kein sexy ausgeschnittenes T-Shirt, sondern ein schlichtes Shirt. Im Netz sind Bilder eines schwarzen, stinknormalen T-Shirts mit Rundhalsausschnitt zu sehen, und ja, man kann auch ihre sich unter dem Stoff abzeichnenden Brustwarzen sehen. Darüber regt sich nun offenbar halb Italien auf, und es hat sich eine Solidaritätsgruppe gebildet, die für heute zum #freenipplesday aufgerufen hat. Dabei wollen sich Italienerinnen diesen Samstag solidarisch zeigen, indem sie "auf den BH verzichten", wie etliche Medien berichten.

BHs sind unbequem, drücken und zwicken - auch die teuren

Und dann musste ich doch etwas dazu schreiben. Denn mich regt das auf. Erstens vermute ich, dass Frau Rackete genauso wie ich sich meist gar keine Gedanken darüber macht, ob sie nun einen BH trägt oder nicht. Beziehungsweise, dass sie einfach keinen trägt, weil ihre Brüste klein und fest sind, und warum sollte sie sie dann in einen BH zwängen!?

BHs sind unbequem, sogar die teuren, nahtlosen. Sie drücken und zwicken, sie engen mich ein. Bügel-BHs mit Polster trage ich schon sehr lange nicht mehr, das ist wie ein klemmiges Mieder für meine schönen, weichen Brüste. Warum soll ich sie einsperren? Weil die Gesellschaft das von mir erwartet? Weil die Form der Brüste schöner ist, wenn man sie "nach Standard" formt? Ich kenne keinen einzigen guten Grund, warum eine Frau einen BH tragen sollte, außer, wenn sie sich wohler damit fühlt. Zum Beispiel, weil die Brüste sehr schwer sind, oder weil es sich schön anfühlt. Für alle, für die sich ein BH nicht gut anfühlt, sollte gelten: Ich bin eine Frau, ich habe Brüste, deal with it!

Ich verzichte auf nichts, wenn ich auf einen BH verzichte. Im Gegenteil: Wenn ich meine Brüste in so ein Ding zwänge, dann verzichte ich auf Wohlbefinden. Ich hasse das.

Die feministische Sicht: nur eine Frau mit gesellschaftskonformen Brüsten ist akzeptabel

Nun war offenbar die Kombination von Frau und Kapitänin mit eigenem Willen für Viele schon schwer zu ertragen. Dass diese Frau sich über ganz andere Dinge Gedanken macht als darüber, wie man es in Italien findet, wenn sie keinen BH unter ihrem züchtigen schwarzen T-Shirt trägt, kann man sich in dem Land mit dem sehr konservativen Frauenbild wohl kaum vorstellen. Und abgesehen davon bin ich ziemlich sicher, dass es Carola Rackete schnurzegal ist, ob es jemanden stört, dass sie keinen BH trägt.

Und auch mir wird es immer egaler. Bin ich noch vor ein paar Monaten nur mit BH zu den Stadtratssitzungen gegangen, weil ich mich nicht richtig angezogen fühlte ohne, so habe ich das die letzten Monate ganz bewusst anders gemacht. Ich ging ohne. Und weil das für mich der Normalzustand ist, fühlte ich mich auch viel wohler. Ich hatte nicht das Bedürfnis, sobald ich nach den Sitzungen nach Hause kam, mir sofort das klemmige Unterwäscheteil vom Leib zu reißen, das meine Brüste vor den Blicken verbergen soll, so wie das vorher immer der Fall gewesen war.

Ich mag keine BHs. Ich habe es mir nicht ausgesucht, Brüste zu haben, obwohl ich sie mag, aber ich will sie auch nicht verstecken. Bevor ich die Kinder bekam, trug ich auch fast nie einen BH, aber das war gefühlt anders, denn da war ich einfach eine junge Studentin, um die sich niemand schert. Heute stehe ich in der Öffentlichkeit. Und die Öffentlichkeit findet zu großen Teilen, Frauen sollten weder über ihre Menstruation reden, noch über Tampons und Blut, und auch zum Thema Brüste schweigen. Fast hätte ich das auch getan, aber nun hat Frau Rackete es doch geschafft, mich aus der Reserve zu locken. Wenn auch nicht mit Absicht.

Falls Ihr ein Zeichen setzen wollt, geht auf die FB-Seite der Aktion #freenipplesday in Italien, und sagt bei der Veranstaltung zu.

Und ey, ich kann echt nicht glauben, dass wir uns immer noch über diesen Shice unterhalten müssen!

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