'nen Kurzen von Marlene: "Normalwoman"

Piep!

An meinem Schlüsselring hängen vier Schlüssel. Haustür, Garage, Fahrrad und Arbeitsstelle. Ein langes türkisfarbenes Lederband auf dem „Schlüssel zum Glück“ eingraviert ist baumelt dazwischen.

„Schlüssel zum Glück“ finde ich kitschig, aber ich mag türkis und der Schlüssel ist in meiner Handtasche so leichter zu finden. Ich muss nur an dem Band ziehen und schon habe ich ihn. Ich hatte auch mal einen bronzefarbenen Elefanten an meinem Schlüsselring hängen. Den habe ich in Thailand gekauft. Irgendwann habe ich ihn verloren. Schade, ich mochte den Elefanten. Er hat sich wohl selbst befreit. Ich wünsche ihm ein schönes Leben.

Worum es aber jetzt geht ist der circa fünf Mark Stück große schwarze Plastikchip, der an meinem Schlüsselbund hängt: Der Arbeitszeiterfassungschip. So nenne ich ihn zumindest. Ich weiß nicht, ob das sein offizieller Name ist. Könnte aber sein. Es klingt doch sehr behördlich. "Arbeitszeiterfassungschip". Wenn ich morgens meine Arbeitsstelle betrete, halte ich ihn an ein kleines Kästchen.

Piep.

Mittags, bevor ich gehe, mache ich das nochmal.

Piep.

Das Kästchen zählt die Stunden und Minuten meiner beruflichen Anwesenheit. Selbstverständlich entspricht die Anwesenheit auch meiner tatsächlichen Arbeitszeit. Selbstverständlich. Morgens zeigt mir die Uhr minus vier Stunden und sechs Minuten an. Mittags null. Das ist der beste Moment des Tages. Ich habe genug getan. Endlich sagt es mir mal einer. Danke, Kästchen!

Wissen Sie, ich habe ein Gewissensproblem. Ich habe nämlich ständig ein schlechtes. Weil ich nicht genüge. Ständig bin ich zu wenig. Nicht gut genug. Als Mutter, als Arbeitnehmerin, als Autorin, als Ehefrau, als Freundin, als Mensch. Alles nur so halbarschig. Nichts mache ich zu hundert Prozent. Ich bin zum Beispiel nicht voll berufstätig: „Du gehst schon wieder?“ - „So möchte ich auch mal arbeiten.“- „Du bist ja nie da!“. Sätze, die mich begleiten. Sätze, die ich höre, nachdem ich morgens meine Kinder in den Kindergarten gebracht habe. In die Ferienbetreuung. Zur Oma. Damit ich arbeiten gehen kann. Teilzeit. Damit ich meine Kinder betreuen kann. Teilzeit. Damit ich schreiben kann. Teilzeit. Nie ganz. Und dieses nie ganz, das ist böse. Das ist der Feind. Das Unzureichende. Da kommen die Blicke her. Die Blicke, die viele Frauen verfolgen, wenn sie das zehn Monate alte Kind in die Kindertagesstätte bringen. Das weinende Kind. Das nach Mama weinende Kind. Die Blicke, die sie treffen, wenn man pünktlich das Büro verlässt. In dem noch Arbeit wartet. Dringende Arbeit. Die Blicke, die einen verurteilen, wenn man Tiefkühlkost für die Kinder kauft. Fischstäbchen.

Weil die Zeit nicht reicht, einen verdammten Lachs zu fangen und zuzubereiten.

Die Blicke. Sind sie wirklich da draußen oder nur in meinem Inneren? Spielt das eine Rolle? Eigentlich nicht. Ich spüre sie ja. In meinem Gewissen, in meinem Herzen. Schmerzhaft sind diese Blicke. Fiese kleine Stiche. Blickstiche in mein Herz. Also renne ich durchs Leben. Ich renne, um vielleicht doch zu genügen. Damit die vierzig Prozent sich wie hundert anfühlen. Ich haste, ich ackere, ich gebe alles. Aber letztlich lässt sich die Mathematik nicht austricksen. Teilstücke sind Teilstücke. Aus einem halben Kuchen wird kein ganzer. Auch nicht mit richtig viel gutem Willen. Egal, wie schnell man rennt. Mission impossible. Das schafft nicht einmal Tom Cruise. Da hilft es auch nicht, wenn ich mir ein „Superwoman“ T-Shirt anziehe.

Superwoman. Die gehört überhaupt abgeschafft! Niemand ist Superwoman. Niemand wird Superwoman sein. Superwoman gehört ins Reich der Fantasie. Fuck you, Superwoman! Fuck off mit Deinen überzogenen Vorstellungen davon, wie eine Frau sein kann. Sein soll. Da kommt keine von uns hin. Mathematisch schon nicht möglich. Emotional gefährlich.

Lass uns Normalowoman sein! Mit unseren Unzulänglichkeiten, unseren Teilzeiten und unseren Fischstäbchen.

Und darum liebe ich den Anhänger und den Kasten. Sie piepen. Nach vier Stunden und sechs Minuten. Sie piepen mir eine Null entgegen. „Du hast genug getan. Du bist fertig für heute“ piept es. Es piept mir das schlechte Gewissen weg. Wie schön wäre es, jeder hätte überall so ein Kästchen. Bei der Arbeit, den Kindern, dem Haushalt. Überall. „Piep, Du hast genug getan“.

Und wie schön wäre es, das Kästchen wäre ein Mensch.

Und das Piepen wäre ein Kuss und ein kühles Getränk in die Hand.

Piep!